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  • Studio 85

Die Rauhnächte

Aktualisiert: 21. Nov.


Am 24.12. gehen sie wieder auf, die Tore zur Anderswelt und sie bleiben geöffnet bis zum 6.Januar. Was hat es eigentlich auf sich mit diesen Rauhnächten? Rauhnachtszeremonien schiessen wie Pilze aus dem Boden. Räuchern, loslassen, manifestieren, schreiben von Traumtagebüchern....you name it.

Ich komme ursprünglich aus dem Bayerischen Wald, bin dort geboren und mit diesem Brauch aufgewachsen. Etwas gewundert hab ich mich dann schon, als ich vor ein paar Jahren zum ersten mal hier, weit ab von meinen Wurzeln, wieder mit diesem alten Brauch aus meiner Kindheit konfrontiert wurde. Eine Rauhnachtszeremonie in Verbindung mit Yoga sollte ich in dem Studio "inszenieren", in dem ich vor Jahren unterrichtet hatte. Ich war sehr unsicher, ob man das hier verstehen würde, denn als Teenager empfand ich es immer als etwas "uncool" , wenn mein Vater, in Begleitung meiner Mutter und uns drei KIndern, bewaffnet mit einer leeren Sauerkrautdose, die mit heisser Kohle und Baumharz befüllt wurde, durch das Haus zog. Die Dose war an einer Drahtschlaufe befestigt (kein stylisches Räuchergefäss ), und mein Vater schwang sie durch alle Räume. Der Luftzug befeuerte die Kohle, und der Rauch, der beim Verbrennen des Harzes entstand, waberte durch die gute Stube. Zum Austreiben der Geister, hiess es. Dabei murmelte er einige Sprüche vor sich her.


Heute nennt man das ein bisschen anders. Alte Energien loslassen, neue einladen, wir manifestieren all das, was wir uns für das kommende Jahr wünschen. Das Gemurmel meines Vaters könnte man mit dem Singen oder Rezitieren von Mantren vergleichen.

Die Zeit von Heilig Abend bis zu den Heiligen Drei Königen ist also die Zeit der Rauhnächte. In meiner KIndheit war das eine wunderbare Zeit. Die sogenannte "Stade Zeit", wie man in Bayern zu sagen pflegte. Die Tage kurz, die Nächte lang. Bei Kerzenschein saß man nach dem Essen noch auf der Eckbank, und mein Vater erzählte schaurige Geschichten. Geschichten von der "Wilden Jagd", dem "Blutigen Thomas", der die Kinder, die ihm begegneten mit Blut beschmierte, der"Heiligen Lucia", die durch die Nacht geisterte, von Tieren, die im Kuhstall am Heilig Abend anfingen zu sprechen, und hörte man ihre Stimmen, dann war das ein sicheres Todesurteil. Das Schöne daran waren aber nicht nur die Gruselgeschichten meines Vaters, schön war einfach nur das Zusammensitzen, das Erzählen und Zuhöhren, die gemeinsame Zeit, die wir miteinander hatten. Ich glaube, meine Eltern hatten diese "stories" auch gerne mal dazu benutzt, um uns Kinder daran zu hindern, in der Dunkelheit draussen herum zu stromern, denn wenn man auf dem Dorf aufwächst, dann ist das ganz normal, zumindest als ich noch Kind war.

Mich haben diese Geschichten fasziniert, und der Gänsehautfaktor regte meine kindliche Fantasie an. Ich war mir ganz sicher, dass es hinter all dem augenscheinlich Faktischen noch etwas anderes geben musste, etwas Subtiles, was man nicht sehen kann, was aber trotzdem präsent ist.

Mich macht es glücklich, dass dieser Brauch wieder eine Renessaince hat und nicht nur in meiner Heimat, sondern überall. Es wird geräuchert und manifestiert, was das Zeug hält. Heute werden keine zerbeulten Blechdosen mehr benutzt, sondern stylische Räuchergefäße, teurer Weihrauch aus Mexiko, Palo Santo aus den Anden , weisser Salbei usw.

Die Kulturen scheinen sich zu vermischen, peruanische Ahnen Rituale mit der "Wilden Jagd" aus dem Bayerischen Wald. Eigenartige Stilblüten, die dieser Brauch da plötzlich treibt.


Jedes Räucherwerk hat seine ganz eigene Bedeutung und Wirkung. Die Träume, von denen wir während der Rauhnächte heimgesucht werden, seien Vorboten für das kommende Jahr, so sagt man.

Was aber dieses Brauchtum auf jeden Fall bewirkt: es verbindet Menschen, es macht uns aufmerksamer , achtsamer. Wir nehmen uns Zeit, zurückzublicken und zu reflektieren, um vielleicht das eine oder andere im kommenden Jahr besser zu machen. Traumtagebücher fordern uns nach dem Aufwachen auf, uns zu besinnen, bevor wir wie gewohnt zum Handy greifen. Wenn wir uns auf die Rauhnächte einlassen, lassen wir uns ganz automatisch mehr auf uns selbst ein. Wir nehmen uns Zeit. Etwas, was heutzutage nicht mehr selbstverständlich ist. Vielleicht ist das auch der Grund, warum dieses Ritual plötzlich soviel Zulauf bekommen hat. Wir brauchen eine Legitimation, uns wieder mal Zeit für uns, für unsere Familie und Freunde zu nehmen....und dann ist da immer noch diese Aura des Mystischen, des Geheimnisvollen, die die Rauhnächte umgibt. Das Licht, das langsam wieder die Dunkelheit verdrängt. Die Verbindung zu unseren Ahnen, dorthin, wo wir herkommen. Die "Anderswelt".....


Im November/Dezember gibt es in unserem Studio unterschiedliche workshops, die euch mit diesem Brauch in Berührung bringen. Vor allem werden die Rauhnächte von unterschiedlichen Seiten beleuchtet und erklärt. Ich freu mich!



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